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Mangel als Chance: Wie Minderwertigkeitsgefühle unser Wachstum fördern können

  • Writer: Johannes Hauser
    Johannes Hauser
  • Jun 3
  • 3 min read


eine Blume die trotz Widrigkeiten blüht

Ich weiß noch sehr gut, wie ich als Jüngster einer fünfköpfigen Familie immer als „der Kleine“ vorgestellt wurde. Mein Bruder wollte mich nie mitspielen lassen, und bis lange in meine Kindheit hinein musste ich bei meinen Geschwistern schlafen, die mich hin und her reichten wie ein Lesestuhl. Das sind meine ersten Erinnerungen an ein Gefühl, das der Psychologe Alfred Adler als Minderwertigkeitsgefühl beschrieben hat.


Laut seiner Theorie wird jeder Mensch mit einem gewissen Gefühl von Unterlegenheit geboren – und das ist zunächst nicht pathologisch, sondern eine natürliche Folge des sozialen Lebens (Adler, 1927). Entscheidend ist vielmehr, was wir mit diesem Gefühl machen und wozu es uns antreibt. Adler verstand diese Gefühle als Triebfeder für Entwicklung, als eine Art „sozialen Kleber“, der uns dazu motiviert, uns stärker mit anderen zu verbinden und unseren Beitrag zur Gemeinschaft zu leisten.

Auf diese Weise lernen wir neue Fähigkeiten, die nicht nur uns, sondern auch anderen nützen. So entsteht ein Gefühl von Zugehörigkeit und Sinn. Wenden wir uns jedoch von der Gemeinschaft ab, suchen wir Ausgleich in Überkompensation– ein Verhalten, das laut Adler zu einem Minderwertigkeitskomplex führen kann: Rückzug, Isolation, vielleicht sogar narzisstische Muster, um das innere Gefühl zu überspielen.

Eine weitere Perspektive liefert die Motivationspsychologie – insbesondere Clark L. Hulls Triebtheorie (Hull, 1943). Nach Hull entsteht Motivation durch einen inneren Mangelzustand (Trieb), der ausgeglichen werden soll. Das Ergebnis: unsere Motive. Zum Beispiel Leistungsmotiv, Machtmotiv oder Annäherungsmotiv. Auch hier gilt: Diese Motive sind nicht gut oder schlecht, sondern können – je nach Kontext – konstruktiv oder destruktiv wirken.

In meinem Fall führte das Erleben von „Kleinsein“ dazu, dass ich früh leistungsorientiert wurde. Ich suchte nach Bereichen, in denen ich über mich hinauswachsen konnte – und fand meine Leidenschaft im Schlagzeugspiel. Die Kombination aus emotionalem Ausdruck, Flow-Erlebnis und Leistungsstreben hat mich bis heute geprägt. Natürlich waren auch rivalisierende Gedanken dabei. Aber mit etwas Abstand erkenne ich: Der Ursprung lag nicht in Gier nach Anerkennung, sondern in einem ganz menschlichen Wunsch: mir selbst etwas zu beweisen – und meinen Platz zu finden.


Was ich mit diesem Beitrag zeigen will: Begriffe wie Minderwertigkeit, Macht und Leistung müssen nicht negativ konnotiert sein. Sie sind Bestandteile unseres seelischen Systems und haben in einem balancierten Innenleben ihren festen Platz. Wenn wir lernen, sie weder zu verdrängen noch zu glorifizieren, sondern als Hinweis auf Bedürfnisse zu deuten, können sie zu echten Wegweisern werden.


Takeaway: Minderwertigkeitsgefühle sind menschlich – und Antreiber.

  • Jeder Mensch erlebt in irgendeiner Form Minderwertigkeitsgefühle – sie sind kein Zeichen von Schwäche oder Störung, sondern ein Teil unserer Entwicklung.

  • Es geht nicht darum, sie komplett loszuwerden, sondern zu lernen, konstruktiv mit ihnen umzugehen.

  • Wenn wir sie erkennen und produktiv nutzen, können sie uns Richtung geben und neue Wege aufzeigen.



3 Übungen, um mit Minderwertigkeitsgefühlen konstruktiv umzugehen:


1. Selbstreflexion – Ursprung erkennenSetz dich in Ruhe hin und beantworte:

  • In welchen Momenten fühle ich mich minderwertig?

  • Welche konkreten Gedanken gehen mir dann durch den Kopf?

  • Woher könnten diese Gedanken stammen (Kindheit, Vergleiche, Erfahrungen)?

2. Deine bisherigen Kompensationsstrategien würdigen

  • Wie habe ich bisher versucht, mein Minderwertigkeitsgefühl auszugleichen?

  • Z. B. durch Wissen, Kreativität, soziale Zugehörigkeit, Humor oder Leistung?

  • Was ist mir dadurch gelungen? Was habe ich aufgebaut?

3. Perspektivwechsel: Vom Vergleich zum BeitragWenn du dich wieder vergleichst oder „klein fühlst“:

  • Wie kann ich meine Erfahrung nutzen, um jemand anderem zu helfen?

  • Ziel: Den Fokus weg vom eigenen Mangel hin zum sozialen Beitrag lenken – ganz im Sinne von Adlers Idee der sozialen Interessiertheit.



Literatur

  • Adler, A. (1927). Menschenkenntnis. München: Th. Piper Verlag.

  • Hull, C. L. (1943). Principles of Behavior: An Introduction to Behavior Theory. New York: Appleton-Century-Crofts.

 
 
 

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